Vierzehn Minuten

 

Ich muss aussteigen, denkt Sabine erhitzt, als sie den schnittigen, maisgelben Mazda ein wenig zu forsch in die Parklücke steuert. Ich darf mich einfach nicht mehr darauf einlassen.

Sie ist nervös, spürt die fahrige Angespanntheit, die der bevorstehende Schlüsseltausch mit sich bringt. Gleichzeitig regt sich schon wieder die unsichere, durchschnittliche Sabine, die sie selbst nicht leiden kann. Von der coolen, wilden Frau von vorhin ist praktisch nichts mehr übrig. Sie wirft einen Blick auf ihren eigenen Wagen, einen hellblauen Fiat Panda. Niemand zwingt sie, so eine Mühle zu fahren, warum also tut sie es? Sie nimmt sich fest vor, sich bei nächster Gelegenheit ein anderes Gefährt zuzulegen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dann wären da noch Klamotten, Wohnung, Persönlichkeit…

Verdammt, denkt sie, ich muss endlich anfangen, aus meinem eigenen Leben etwas zu machen!

Sie blickt auf den im goldenen Abendlicht friedlich daliegenden Landgasthof. Sybille wartet sicher schon ungeduldig auf ihren Bericht. Schlimm genug, dass sie sich wieder so zu fühlen beginnt wie die bisherigen langweiligen 23 Jahre ihres Lebens, schlimm genug, dass sie wieder zu der Frau wird, für die Männer bestenfalls Attribute wie ´scheues Reh` übrig haben - jetzt meldet sich auch noch ihr schlechtes Gewissen. Wie kann sie Sybille das nur antun? Sie liebt sie doch, und meistens ist es gar nicht so schlimm, dass da dieser kleine, spitze Stachel in ihr steckt. Nur manchmal sticht er gemein zu, weil sie beide sich so ähnlich und doch so verschieden sind.

Sabine streicht das enge Top, das knapp bis zum Saum des Minirocks reicht, zurecht und geht langsam auf den Gasthof zu. Plötzlich fühlt sie sich nicht mehr wohl in dem Aufzug und wünscht sich ihre Jeans an den Hintern. Sie versucht, das schlechte Gewissen zu betäuben. Ist Sybille nicht selbst schuld? Im Betrügen und Hintergehen ist sie jedenfalls Meisterin, ohne Abwechslung geht es bei ihr einfach nicht. Schon früher ließ sie nie etwas aus, und Sabine hatte sich immer gefragt, wie Sybille so ungeniert mit ihren Reizen um sich werfen konnte, während sie selbst vor sich hinkrampfte, als wäre sie ein ins Gazellenland verbanntes Rhinozerosweibchen. Daheim vor dem Spiegel, da ging es, da fand sie die richtigen Posen, aber in Gesellschaft fühlte sie sich meist wie ein bröckelnder Abgrund. Sybille dagegen: Strahlende Sonne und zupackender Oktopus in einem. Diese Mischung gefiel den Männern, schon immer. Und jetzt Jonas! Dieser süße Jonas, an dem Sybille angeblich so viel liegt, und dem sie trotzdem nicht hundertprozentig treu sein will - oder kann, wie sie sagt, weil eben andere Mütter auch schöne Söhne haben, die sich für sie interessieren. Zum Beispiel dieser Italiener, Lorenzo, wegen dem Sabine heute schon zum zweiten Mal aushelfen musste.

Ohne es nur im Geringsten zu wollen.

„Und was ist, wenn er mit mir schlafen will?“, hatte sie gefragt und bei dem Gedanken leicht geschaudert.

Sybille hatte gegrinst und unschuldig die Hände gehoben.

„Dann sagst du einfach, du hast deine Tage.“

 

Gott, was war das für ein Nachmittag! Jetzt zittern ihr die Knie, wenn sie daran denkt. Sie waren raus auf den See gefahren, und je weiter sie sich vom Ufer entfernten, je mehr Jonas sie mit kräftigen Ruderschlägen von der Welt, in der man festen Boden unter den Füßen hat, wegbrachte, umso mehr schwand ihre Unsicherheit, umso mehr Sabine fiel von ihr ab und umso mehr Sybille atmete sie unter der strahlenden Spätsommersonne ein. Als sie weit genug draußen waren, ging sie auf ihn los, wie sie es noch nie bei einer ihrer eigenen spärlichen Männerbekanntschaften getan hatte. In Nullkommanichts waren sie beide ausgezogen und sie drückte seinen Rücken schwer atmend in die harten Planken des Boots, während sie sich auf ihn setzte. Für einen kurzen Moment wurde ihr bewusst, dass man sie mit einem Fernglas durchaus beobachten konnte. Aber es war ihr egal, denn so gut es sich auch anfühlte, was Jonas tat, er machte es ja eigentlich nicht mit ihr, sondern mit Sybille.

 

Unschlüssig steht sie an der Ecke vor dem Eingang der weitläufig angelegten Terrasse und spielt mit dem Schlüsselbund von Sybille, dreht und wendet ihn. Sieben Schlüssel, ein Miniaturpferd aus Edelstahl, ein Anhänger mit dem Schriftzug ´Ich bin super`. Sabine hebt den Kopf und betrachtet ihr Spiegelbild im Fenster des Gasthofs. Für einen Moment weiß sie nicht, wen sie sieht. Sich oder die andere.

Was soll ich Sybille nur sagen, denkt sie ratlos, ich kann doch nicht wieder dieselbe Nummer abziehen wie vor zwei Wochen.

 

Da hatte sie es geschafft, das Ganze ins Lächerliche zu ziehen.

„Hat er etwas gemerkt?“, fragte Sybille.

„Nein, was soll er denn gemerkt haben, in der kurzen Zeit.“

„Und wie lief es so?“

„Gut, sehr gut… er hat mir, uns, einen Heiratsantrag gemacht.“

Das fiel ihr ganz spontan ein, sie hatte es sich nicht zurecht gelegt. Aber es half ihr, die Wahrheit zu vergessen.

Sybille grinste unsicher. „Hör auf…, doch nicht im Ernst. Und?“

„Was und? Ich hab` natürlich Ja gesagt.“

Es war ein köstlicher Moment. Sybille entglitten die Gesichtszüge, sie starrte Sabine mit großen Augen an und vergaß beinahe zu atmen.

Sabine ließ fünf Sekunden verstreichen, bevor sie so lässig wie möglich sagte: „War nur n` Witz.“

Sybille schwieg und warf ihr böse Blicke zu. Aber Sabine konnte einfach nicht aufhören; es fühlte sich zu gut an.

„In Wirklichkeit war es so: Er hat versucht, meine Brust zu betatschen, und da hab` ich ihm eine gescheuert.“

„Das ist wieder n` Witz, oder?“, fragte Sybille, jetzt komplett verunsichert.

Sabine wiegte den Kopf hin und her und genoss es unendlich, dass ausnahmsweise sie einmal obenauf war. Dann kicherte sie ein wenig, bevor sie versöhnlich Sybilles Hand nahm und sie sanft streichelte. Plötzlich war es ihr peinlich, wie sie sich benahm.

„Keine Sorge“, sagte sie, „es ging alles glatt. Er hat wirklich nichts gemerkt.“

 

Sabine konnte ihr nicht sagen, dass der Spaziergang im Wald anders gelaufen war als geplant. Sie hätte Sybille auch nicht erklären können, was plötzlich über sie gekommen war. Sie verstand ja selbst nicht, warum sie den fröhlich und verliebt vor sich hinplappernden Jonas auf den Jägerstand hochlotste, sie wusste nur, dass sie sich vollkommen anders fühlte als sonst. Was sie dann dort oben alles mit ihm anstellte, kam ihr danach selbst wie ein Traum vor, ein Traum, in dem nicht wirklich sie agiert hatte.

Hinterher schwärmte er vom besten Sex seines Lebens und Sabine musste fieberhaft nach einer Lösung suchen. Schließlich beschloss sie, ihm klar zu machen, dass sie einerseits nichts erregender finde als unter freiem Himmel mit ihm zu vögeln, dass sie es aber andererseits absolut nicht ausstehen könne, so ein Erlebnis hinterher zu zerreden.

„Kein Wort mehr davon, oder ich tu`s nie wieder“, sagte sie beim Abschied und sah ihn ernst an. Sie war sich sicher, dass er in diesem Moment dachte: Versteh` einer die Frauen.

 

Warum habe ich mich nur darauf eingelassen?, denkt sie verzweifelt und späht vorsichtig um die Ecke. Doch was hätte sie tun sollen? Sybille war so aufgelöst und gleichzeitig so überzeugend gewesen, als sie in ihre Wohnung gestürmt kam. Es sprudelte nur so aus ihr heraus: Jonas hatte sie eingeladen, für den nächsten Tag, Spaziergang, anschließendes Essen, zur Feier ihrer vierwöchigen Verbundenheit. Und ausgerechnet jetzt kam dieser Lorenzo wieder in die Stadt, nur für ein kurzes Meeting, und sie musste ihn unbedingt sehen. Ob Sabine das denn nicht verstehen könne?

„Du bist verrückt“, sagte Sabine, „wie kann man nur so verrückt sein?“

Das wollte Sybille nicht gelten lassen; sie fing an, philosophisch zu argumentieren, meinte wie kompliziert das Leben doch sei und dass man sich dem Lauf der Dinge, man könne es auch Schicksal nennen, stellen müsse. Und überhaupt, Sabine habe doch versprochen, immer für sie da zu sein, und jetzt, wo sie ein einziges Mal wirklich ihre Hilfe brauche, wolle sie kneifen.

So redet sie immer, dachte Sabine, sie glaubt, das Recht dazu zu haben, nur weil sie vierzehn Minuten älter ist als ich.

 

Sabine atmet tief durch, dann tritt sie auf die lang gezogene Terrasse. Sybille sitzt lässig an einem der Tische, perfekt gestylt in knappem Top und Minirock, und blickt durch dunkle Brillengläser in den Sonnenuntergang. Sie weiß immer noch nicht, was sie ihr sagen soll. Vielleicht, dass Jonas nicht der Richtige für sie ist. Andererseits: Wenn Sybille bei ihm bleibt, könnte ich sie ja vielleicht mal bei Lorenzo vertreten, denkt sie und erschrickt ein wenig über sich selbst.

Sabine ruft sich noch einmal das Bild vom Nachmittag, auf dem Boot, vor Augen. „Du bist einmalig“, hatte Jonas gekeucht, als es vorbei war.

Ein Stück weit hat er sogar recht, denkt sie. Dann bereitet sie sich darauf vor zu lächeln, setzt die Sonnenbrille auf und geht auf ihr Ebenbild zu.


(veröffentlicht in der Literaturzeitschrift "DUM", Nr. 64, 2012)