Picker


14 Sekunden.

Alno schiebt das Cart mit der einen Hand an, nimmt Tempo auf. Die Pfeile auf dem Handscanner, den er in der Rechten hält, ziehen seine Beine in die richtige Richtung. Links am Regal vorbei, dann scharf um die Ecke und hinein in die nächste Warenschlucht. Oben in der Ecke des Displays läuft der Countdown. Alno hat noch zwei Sekunden, als er an seinem Ziel ankommt. Er lässt seinen Blick über die Regalpartie vor ihm fliegen. Oben die DVDs, ganz unten die Gartenschläuche. Alno geht vorsichtig in die Knie. Er fährt mit dem Scanner über den Barcode der Plastikverpackung, der Piepton erklingt und im selben Moment blinkt auf dem Display eine rote Zahl. Eine Sekunde im Minus. Alno flucht. Sieht auf die Uhr. Noch zweieinhalb Stunden und er hat immer größere Mühe, im grünen Bereich zu bleiben. Der übliche Abfall in seiner Performance. In der zweiten Hälfte der Schicht werden seine Beine müder, kein Wunder, nach all den Kilometern, die er schon abgespult hat. Das Stechen im  Knie schiebt sich in seinem Bewusstsein stärker nach vorne. Die exakt berechneten Vorgaben seiner Touren unterscheiden dagegen nicht zwischen der ersten und der letzten Arbeitsstunde. Die Wege-Zeit-Parameter existieren losgelöst von Dingen wie Müdigkeit oder Schmerz, die Software interessiert sich nicht für ihn. Alno gönnt sich ein einziges tiefes Durchatmen.

 

27 Sekunden.

Alno folgt den Handscannerzeichen zum aktuellen Lagerort der Druckerpatronen. Sein Shirt ist nassgeschwitzt, die Luft in den Gängen ist stickig. Der nächste Posten auf der Liste, der für seine Tour strategisch am günstigsten platziert ist, muss drei oder vier Regalreihen weiter einsortiert worden sein. Das sagt Alno die Erfahrung, die er in den vergangenen acht Wochen gesammelt hat. Die Produktplatzierungen selbst bieten keinerlei Verlässlichkeit für die Wahrnehmung. Es ist jeden Tag anders. Der Fachbegriff heißt chaotische Lagerhaltung, hat der Area-Manager bei der Einstellung erklärt. Schnell, zuverlässig, ökonomisch. Es funktioniert, weil ein perfekter Algorithmus die Maschinerie am Laufen hält, weil der Zentralcomputer immer, in jeder Sekunde weiß, an welchem Punkt im Bauch des Molochs welche Ware liegt, und in Echtzeit berechnet, welcher Weg zu welchem Produkt am Kürzesten ist.

Alno wirft einen Blick auf den Counter. Es wird wieder eng. Er kann es sich nicht leisten, schon wieder eine Aktion im Minusbereich abzuschließen und beginnt zu rennen. Er hetzt an einem Plakat vorbei, auf dem einer von seinesgleichen zu sehen ist, umweht von einem Superheldencape. „Arbeite schnell! Rette die Welt! Fühl dich gut!“

Das Piepen ertönt und der Handscanner bietet eine grüne 2 an. Alno sortiert die Druckerpatronen in die Box auf seinem Cart ein. Auf der anderen Seite des Regals piept der Scanner eines Kollegen, dann noch einer. Alno weiß, dass er später wieder aufwachen wird, drei, vier Mal mindestens. Die Töne, die mittlerweile jede Nacht über seinem Bett schweben, wollen in seine Ohren eindringen, weil durch seinen Kopf die vielen tausend Gänge führen, in denen das ganze Zeug liegt, das seinen Weg in die Welt finden muss. Es muss. Sonst…

 

19 Sekunden.

Wunderkerzen. Alno stößt an der nächsten Ecke beinahe mit einem anderen Picker zusammen. Die orangefarbenen, mit silbernen Leuchtstreifen versehenen Warnwesten, die jeder Arbeiter mit dem Passieren der Sicherheitsschranken anzulegen hat, sind ein so gewöhnlicher Anblick geworden, dass sie keinerlei Zweck mehr erfüllen. Das Gesicht hat er noch nie gesehen. Könnte ein Neuer sein, zurzeit werden wieder viele herbeigekarrt. Vielleicht ist er aber auch schon ein paar Jahre dabei. Egal. Alno hat kaum ein kurzes Nicken für ihn. Der andere scheint durch ihn hindurchzusehen, als sie ihre Carts aneinander vorbeimanövrieren. Die Aktion kostet beide mindestens drei, vier Sekunden und Alno kann auch durch einen Spurt nicht mehr das ganze Defizit aufholen. Das Minusfeld wird weiter aufgestockt und ein Blinken auf seinem Handscanner signalisiert Alno, dass der Area-Manager auf seinem Computerterminal seinen Leistungsabfall bereits registriert hat. Eine Nachricht erscheint auf dem Display: „Achte auf deine Vorgaben! Konzentriere dich!“

Eine Motivationsspritze. Alno hofft, dass sie es diesmal dabei belassen. Wahrscheinlich aber wird ihn der Area-Manager am Ende der Schicht zur Seite nehmen. So wie gestern. So wie vorgestern. Er wird Alno sagen, was er ohnehin weiß. Dass er zunehmend Probleme hat, seine Vorgaben einzuhalten. Dass er sich immer weiter davon entfernt, 110 Picks pro Stunde zu schaffen. Er wird ihn wieder fragen, was mit seiner Motivation los sei. Ob er zu viel denke, während der Arbeit? Ob er zu viel denke, nach der Arbeit? Ob ihm ausreichend bewusst sei, dass er mit sinkenden Werten seine Chancen auf eine Festanstellung massiv gefährdet? Ob er wolle, dass man die Kunden draußen permanent enttäuschen müsse, weil man nicht in der Lage sei, ihre berechtigten Wünsche nach einer schnellen Belieferung zu erfüllen? Ob er nicht mithelfen wolle, die Welt jeden Tag ein Stückchen besser zu machen? Ob er nicht wisse, dass der Kunde hier bei ihnen nicht nur jeden Tag, sondern mit jedem einzelnen Mausklick aufs Neue seine ganz persönliche Geburtstagsparty feiere? Ob er den Menschen da draußen diese Party verderben wolle? Der Area-Manager wird es nicht unfreundlich, aber sehr ernsthaft sagen, ohne zu lächeln. Seine Gesichtszüge werden verschwimmen, während er redet.

Und Alno wird sich nicht rechtfertigen. Er wird nicht vorbringen, dass er mehr freie Tage braucht, um zu regenerieren. Nicht erzählen, dass sein Knie Probleme macht. So etwas will der Area-Manager nicht hören. Alno wird sich schuldbewusst geben. Er wird versprechen, schneller zu werden. Er wird zusichern, sich neu zu motivieren.

 

21 Sekunden.

Denkt er zu viel? Kann ein Roboter überhaupt denken? Er weiß, dass Effizienz wichtig ist. Nur so kann das organisierte Chaos in diesen Hallen funktionieren. Er weiß, dass alles, was hier abläuft, auf konsequent umgesetzten Konsumentenwünschen basiert. Er weiß, dass die Welt dort draußen diesen riesigen Apparat hier drinnen angeworfen hat. Und dass sie ihn am Laufen hält, mit all seinen winzigen Zahnrädchen, die in jeder einzelnen Sekunde ineinandergreifen müssen. Er weiß, dass die Klicks draußen das Öl sind, das virtuelle Schmiermittel dieser Maschinerie. Früher war Alno selbst sehr eifrig, was das anbelangt, heute, nach Feierabend, scheint sein Zeigefinger nicht mehr richtig zu funktionieren.

Es ist nicht in erster Linie das Auspressen seines Körpers, das ihn wütend macht. Nicht die 18, 19 oder 20 Kilometer, die er jeden Tag zwischen den Regalen abspult. Nicht die Blase an seiner Ferse, die nicht abheilen kann, weil er keine zwei Tage hintereinander frei bekommt, selbst wenn er eineinhalb Wochen am Stück im Einsatz war. Nicht die Knieprobleme, die meist nach drei, vier Stunden einsetzen. Es ist auch nicht nur der Zeitdruck, dieses permanente Sekundenticken, dem er nicht entfliehen kann, und die stetig drohende Minusdrift seiner Bilanz. Es ist nicht einmal der ewig gleiche Piepton beim Warenscannen, der eigentlich den Erfolg jeder Aktion signalisieren soll, der mit seiner Penetranz aber immer häufiger den Wunsch auslöst, taub zu sein. Es ist das Wissen, dass jeder Schritt, den er macht, aufgezeichnet und überwacht wird. Der Handscanner legt seine Performance gnadenlos offen, jeden Tag aufs Neue, wirft sie dem Area-Manager auf den Schirm, wann immer er es will. Er misst seine Schrittzahl, seinen Bewegungsablauf, seine Pickwerte, seine Gesamtleistung. Und der Scanner weiß, wann er steht. Er petzt sofort, wenn Alno inaktiv ist. So wie jetzt. Er legt die Shisha, die er viel zu lange in der Hand gehalten und angestarrt hat, ins Cart und drückt schnell auf die Go-Taste.

 

7 Sekunden.

Am anderen Ende des Gangs. Dort, wo zwei andere Picker stehen und sich mit gedämpften Stimmen unterhalten. Zwei Wracks, denen es offenbar schon egal geworden ist, ob sie ihre Quote erfüllen oder nicht. Wahrscheinlich wird zum neuen Jahr ohnehin nur wieder ein Bruchteil übernommen. Als Alno näher kommt, trennen sie sich, hasten weiter. Alno hat heute noch mit keinem Kollegen gesprochen, nicht einmal während der Pause. Die 20 Minuten, die effektiv bleiben, wenn man endlich die Sicherheitsschleusen passiert hat, reichen ohnehin gerade mal, um ein Sandwich hinunterzuschlingen und eine schnelle Zigarette zu rauchen. Nur die Packerin mit den großen Brüsten, die ihm gefällt, hat er angelächelt. Sie hat nicht zurückgelächelt.

Das Piepen des Scanners ist diesmal abgehackt, als Alno ihn die Verpackung der Taschenlampe abtasten lässt. Der Errorsound. Pro Schicht  gibt es ein oder zwei Mal Probleme dieser Art, weil ein Stower trotz des vorgeschriebenen Gegenchecks ein Produkt falsch einsortiert hat. Alno verliert wertvolle Zeit, bis er die richtige Lampe weiter hinten im Regal ausfindig gemacht hat.

 

11 Sekunden.

Alno hat sein Cart fast voll, steuert wieder auf den Bereich zu, wo seine gefüllten Kisten von den Förderbändern übernommen werden, die sie zu den Packern transportieren. Er sieht vorne den Area-Manager, der auf der Brücke steht und in die Halle hinunterblickt, breitbeinig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Beim Schichtbeginn hat er Alno, der eine Minute zu spät durch den Checkpoint kam und den Anfang seiner Motivationsrede verpasste, einen Strafpunkt verpasst, in aller Freundlichkeit. Seinen zweiten. Bei drei könne es sein, dass man gehen muss, hat mal einer erzählt, der schon länger dabei ist.

Alno gibt Gas, nimmt die Wrestling-Figur aus dem Regal, scannt den Barcode, hört das Piepsen. Das Display zeigt eine Sekunde an, grün. Alno gönnt sich diese eine Sekunde, um zu überlegen, ob er den Area-Manager einfach mit dem Cart über den Haufen fahren soll. Er könnte ihn über die Brücke hinunter in die Halle stoßen. Er könnte die Verpackung von dem Gartenschlauch reißen, dem Area-Manager das Ding um den Hals legen und ihn erwürgen. Er könnte ihm die Shisha über den Schädel ziehen. Er könnte ihm die Taschenlampe in den Anus rammen.

Dem System wäre es egal. Der Maschine kann er nicht weh tun.

 

14 Sekunden.

 

 

(veröffentlicht in "Dichtungsring", Nr. 46, Zeitschrift für Literatur, Anthologie zum Bonner Literaturpreis 2015)