Nipple Islands

 

Aller guten Dinge sind drei. Man hat das Gefühl, diese Weisheit sei schon immer gewesen. Drei Grundfarben, rot, gelb, blau, retten uns vor grauer, grobkörniger Blindheit. Und kennt der Mensch nicht schon seit der frühesten Kulturgeschichte drei Lebenswelten? Erde, Himmel, Hölle. Warum bauen sich Religionen so gern auf einer Trias auf, sei es das Christentum mit seiner Vater-Sohn-Heiliger-Geist-Trinität oder der Hinduismus mit seiner Trimurti aus Brahma, dem Schöpfer, Vishnu, dem Erhalter und Shiva, dem Zerstörer? Nicht zu vergessen das Demokratieprinzip: Eine Dreiergruppe ist die kleinste vorstellbare Einheit, bei der die absolute Mehrheit den Ausschlag für eine Entscheidung gibt. Ich könnte noch vieles anbringen: Von der Schönheit der Dreiklänge bis zum Trio an Wünschen, das man frei hat, sollte man jemals einer Fee begegnen. Das Leben selbst ist nach dem Dreierschema gestrickt: Alles hat einen Anfang, ein Dasein und ein Ende. Wachsen, Fruchtbarkeit, Vergehen. Kindheit, Erwachsensein, Alter. Drei!

Das Komische ist: In der Liebe funktioniert es nicht mit der Trias. In der Liebe ist bei dreien einer zu viel, immer (allerdings ist Marco, der überflüssige Marco, in meinen Augen mit Abstand das beste Beispiel dafür). Mir scheint, das liegt auf einer profanen Ebene daran, dass stets einer im Weg ist (auch wenn manche, die Sex mit Liebe verwechseln, von flotten Dreiern schwärmen), auf einer philosophischen Ebene aber daran, dass das Grundprinzip des Lebens hier nicht gewünscht wird, nicht gebraucht wird: Eine Liebe soll beginnen wie der verheißungsvolle Flügelschlag eines wilden, geheimnisvollen Federwesens im Sommerwind, und dann soll sie fliegen, ewig, für immer, soll nie ein Ende finden. Deswegen funktioniert es nicht mit der Drei, sie passt weder ins praktische Schema noch in die Traumwelt. Das habe ich in langen Grübeleien herausgefunden.

Da ist nur eins, was ich nicht verstehe, vielleicht nie verstehen werde: Warum mir Maria exakt drei Mal, nicht einmal, nicht zweimal, genau dreimal, ihre Liebe gestanden hat.

 

Georg Baselitz führte uns zusammen. Das Seminar an der Kunstakademie, in dem wir uns plötzlich nebeneinandersitzend vorfanden. Der Duft ihrer Haut, der sanft zu mir herüberwehte, der übers Blatt sausende Strich ihres Bleistifts, wenn sie mit einer Skizze einem flüchtigen Gedanken zu Gestalt verhelfen wollte, die klugen Fragen, die sie Woelffle, dem snobistischen Professor für Malerei und Grafik, stellte, nicht um ihn zu provozieren, vielmehr, so schien es mir, um ihn daran zu erinnern, dass es unlauter ist, mit dem Suchen aufzuhören, selbst wenn man kurz vor der Pension, ja selbst wenn man mit einem Bein im Grab steht. Das Semester hatte kaum begonnen, und die Tage vibrierten in einer Art, wie ich es nie zuvor gekannt hatte. Ich glaube, wir spürten beide, dass wir uns aufmachten zum Flug.

Nur Marco störte, störte auf unerträgliche Art und Weise, weil er viel zu oft von der Uni rüberkam und sie abholte, weil er nie Ruhe gab, weil er so besitzergreifend war. Marco, ihr Freund, ihr langjähriger Freund, der sie aus der Provinz hierhergebracht hatte, Marco, der Mathematikstudent, Marco, der Schönling.

Eines Tages, wir hatten uns schon zwei oder drei Mal wie unabsichtlich berührt, getraute ich mich Maria zu fragen: „Ist er dir wichtig?“

„Er versteht mich“, sagte sie nur und begutachtete gewissenhaft das Wachstum des Rasens vor dem Akademiegebäude.

„Das glaube ich nicht, er passt doch gar nicht zu dir“, eiferte ich, und dann, zaghafter: „Vielleicht würde ich besser zu dir passen?“

„Du passt zu niemand“, sagte sie.

Ich hatte keine Antwort. Nicht zum ersten Mal war ich mir unsicher, ob sie das, was sie sagte, ernst oder ironisch meinte.

„Sieh dich doch an“, fuhr sie fort und drehte mich herum, so dass ich in der überdimensionalen Glasfront des großen Hörsaals vage mein Spiegelbild erkennen konnte, klein, vergleichsweise winzig, aber dennoch nicht verloren, denn sie stand neben mir, das war das Wichtigste, und mehr noch, sie lachte und sie knuffte mich in die Seite und sie ließ sich spielerisch ins Gras sinken, als ich, scheinbar aufbrausend, versuchte nach ihr zu greifen. Ich fiel neben sie, das Sonnenlicht brach sich über uns in der Glasfläche, verteilte sich auf eine fast exaltierte Weise um uns herum, und ich spürte, dass die Zeit reif war.

Wir flogen in die Bibliothek – sie wehrte sich nicht, als ich ihre Hand ergriff – und liehen uns den großen Georg Baselitz-Bildband aus, den ich bestellt hatte. Als wir auf meinem Bett lagen und uns die auf den Kopf gestellten Motive – der Wald, Köpfe, Gestalten - ansahen, schwirrten mir die Sinne und ich wusste selbst nicht mehr, wo oben und wo unten, was richtig und was falsch war, und ich glaube, ihr ging es genauso.

„Es ist so schön, mit dir hier diese wahnsinnigen Bilder anzuschauen“, fiel mir nach einer Weile zu sagen ein.

„Ja, schön“, murmelte sie, „aber mit dir…würde ich auch Micky Maus-Hefte anschauen.“

Das war das erste Mal, dass sie mir ihre Liebe erklärte, denn welche Worte hätten treffender umschreiben können, was sie für mich empfand? Ich wagte es, ich küsste sie, und ich nannte sie an diesem Abend zum ersten Mal Leilena. Aber als ich zu mir kam, war sie entschwunden, und ich wollte nicht ahnen wohin.

 

Gespreizte Frauenbeine ähneln den langen Seiten eines gleichschenkligen Dreiecks. Zumindest kam es mir in diesen Tagen und Wochen so vor, warum weiß ich nicht. Jedenfalls war mir klar, dass man die alles entscheidende Stelle nur dann erreicht, wenn man die Basis entfernt, oder zumindest aufklappt (die Basis hieß in diesem speziellen Fall natürlich Marco, Marco Polo). Aber nach dieser Aktion handelt es sich nicht mehr um ein gleichschenkliges Dreieck (und ohne Basis brechen die Dinge ohnehin gern zusammen). Dieses Rätsel konnte ich nicht lösen, aber ich bin auch kein Mathematiker, ich bin Kunststudent. Sehr wahrscheinlich hat es irgendetwas damit zu tun, dass das Trias-Prinzip, wie gesagt, einfach nicht zur Liebe passt, es bringt nur alles furchtbar durcheinander.

 

Im Grunde wusste ich sehr wohl, wo sie zu finden war, wusste, dass er dabei war, sie in sein formelhaftes Leben zurückzuziehen. Schon trabten sie wieder gemeinsam durch die Gänge der Akademie, durch die ganze Stadt. Marco, mit seinen gelockten schwarzen Haaren und dem Jünglingsgesicht, mit seinem langen Arm. Schon früh hatte ich seinen Anblick mit der Figur des Marco Polo assoziiert, zuerst allerdings nicht mit der historischen Gestalt, die den Weg nach China gefunden haben mochte oder nicht, sondern mit dem Comic-Geck, dem jungen, heldenhaften, schwarzgelockten Abenteurer. Ein zerfleddertes Exemplar des Heftchens lag in der Ecke des Café Andermatt herum, an einem langen Abend, und ich blätterte eher lustlos den bunten Bildern hinterher, sah mit einem Auge zu, wie der Venezier mit Kubilai Khan Freundschaft schloss, ihm das Leben rettete. Mit dem anderen Auge beobachtete ich Maria und Marco, die am anderen Ende der Theke saßen, zu eng beisammen und doch einander sichtbar entfremdet, wie ich fand. Mir schien, dass die Geschichte sich wiederholen sollte.

Es gab nur diesen einen Weg: Marco musste endlich auf Reisen gehen, denn war das nicht seine wahre Bestimmung? Ich gönnte ihm das Erlebnis jedenfalls von Herzen, und ich wünschte mir, er würde lange wegbleiben, sehr lange, und wenn er je wiederkäme, würde er hoffentlich so aussehen wie der historische Marco Polo ausgesehen haben mochte, wie dieser auf alten Stichen erschien: dickbäuchig, mit schütterem Haar und langem, wallenden Rauschebart, meinetwegen voller Erkenntnisse, weise.

Sie schien unschlüssig.

„Maria, wer sagt denn, dass Gefühle für immer in Stein gemeißelt werden, dass sie Monumente sein müssen? Gefühle ändern sich bisweilen, sie können fliegen.“

„Ja, und sie können abstürzen“, sagte sie, und ich wusste nicht genau, wie sie das meinte.

Doch als wir ihm das Ticket gekauft hatten, als er auf dem Weg war, als der Ruf der Mongolei endlich zu ihm durchgedrungen war, begann sie wieder zu blühen. Sie schenkte mir Stunden.

„Von dir würde ich mich sogar schlagen lassen“, sagte sie, „weil ich weiß, dass du immer, selbst dann, zärtlich zu mir sein wirst.“

Und das war ihr zweiter Liebesbeweis, denn wer würde sich so in die Hände eines anderen begeben, wenn nicht eine inniglich Liebende? Sie griff unter ihr Bett und zog eine große Feder hervor. Ich nahm sie, zuerst zaghaft, dann holte ich aus und schlug zu, in dieser Nacht, so fest ich konnte, die Leidenschaft übermannte mich, aber was eine Peitsche hätte sein können, vielleicht für Maria hätte sein müssen, war ein flauschiger Traumschweif, er hinterließ nichts, keine Male, keine Zeichen, und wir hörten, dass ich immer nur ein einziges Wort flüsterte: „Leilena, Leilena, Leilena…“.

Vielleicht flüsterte ich es einmal zu viel, oder einmal zu laut, so dass wir erwachten.

Sie wich mir aus, als Marco zurückkehrte. Es hatte ihm nicht gefallen in der Mongolei, er hatte den Trip abgebrochen, war zurückgerannt. Vielleicht war er nicht einmal wirklich dort gewesen. Kurz darauf drei Worte, groß, viel zu schön gestaltet, auf einem viel zu weißen Blatt: ´Lass mich los`.

 

´Ufer/Strand` lautete das Thema, das Woellfle für die Semesterabschlussarbeit gestellt hatte, und er konnte mit meiner Interpretation überhaupt nichts anfangen. Ich kam gerade so durch, was mir rechtschaffen gleichgültig war. Ich fühlte mich auch nicht erleichtert, nachdem ich die Ölfarben auf die Leinwand geklatscht hatte. Mein Bild hieß ´Nipple Islands`, es zeigte einen nackten, verzweifelten Schwimmer, der sich zu drei in der Form weiblicher Brüste gestalteten Inseln hinkämpfte. Kurz vor dem Ertrinken stemmte er sich an der ersten Brust hoch, blickte im Todeskampf auf die zweite, während die dritte ihn fast hämisch anzugrinsen schien. Sein geschwächter Körper rutschte ab an der gelblichen Haut - keine Adern, keine Pickelchen, nichts, nur glatteste Fassade - seine rechte Hand griff verzweifelt nach der sich erregt himmelwärts reckenden, braun gesprenkelten Brustwarze, die allein Halt zu bieten schien, die allein Rettung versprach, aber es war klar, dass er keine Chance hatte, sie zu erreichen. Das krude Werk einer pechschwarzen Nacht.

 

Als wir uns zum letzten Mal begegnen, zufällig, im Innenhof der Akademie, tut sie so, als kenne sie mich nicht, als habe sie mich nie gekannt. Das ist das dritte Mal, dass sie mir zeigt, wie sehr sie mich liebt. Sie weiß genauso gut wie ich, dass lieben verletzen heißt, dass wir uns weh tun würden im Lauf der Jahre, und sie sagt ohne Worte, während sie an mir vorbeiblickt, ins Nichts: Nimm diesen kleinen Stich, jetzt, du wirst ihn überleben, aber alles andere als dich zu ignorieren, trotz aller Liebe, würde irgendwann unerträglich weh tun...

Nur Marco hat keine Skrupel, natürlich. Er blickt sich um, als sie Arm in Arm an mir vorbeigegangen sind, und es kommt mir vor, als würde er mir triumphierend mitten ins Gesicht schauen. Dabei hat er nur Maria an seiner Seite, wie weit sie auch immer zusammen gehen mögen. Von Leilena kann er nicht träumen. Er kennt sie nicht einmal.  

 

(veröffentlicht in der Literaturzeitschrift "erostepost", Nr. 53, 2016)