Im Namen Gottes

 

Zu hübsch, viel zu hübsch für einen Priester.

Dieser Gedanke war Schwester Helene spontan durch den Kopf geschossen, als sie zum ersten Mal ein Bild des aufstrebenden Geistlichen in der Zeitung gesehen hatte. Und dreimal zu hübsch für einen Erzbischof, hatte sie gedacht, als seine bevorstehende Ernennung zum Oberhaupt der Erzdiözese Freiburg, die sich längst abgezeichnet hatte, offiziell bekanntgegeben wurde. Ganz abgesehen von den beängstigenden Meinungen, die er bisweilen äußerte.

Der weiße Eremit hatte genau dieselbe Ansicht vertreten. Doch sämtliche Gebete, die sie gemeinsam in Inbrunst gen Himmel geschickt hatten, waren ungehört geblieben. Und alles hatte sich verschoben, gedreht; Kategorien wie Gut und Böse mussten neu in ihrem Weltbild justiert werden. Nur ihr Glaube, der war fest und unverrückbar geblieben. Der Herr hielt sie sicher umfasst, das spürte sie. Ebenso sicher war sie sich, dass der verständnisvolle Blick der Gottesmutter Maria auf ihrem gebeugten Haupt ruhte.

 

Und so begann sie ein neues ´Gegrüßet seist du, Maria` zu murmeln, so gut ihre ausgetrocknete Kehle es zuließ. Schwester Helene konnte nicht sagen, wie lange sie schon in dem engen, dunklen Beichtstuhl in der Herz Jesu-Kirche kniete. War es ein Tag, waren es zwei oder drei? Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Manchmal wurde ihr ein wenig schwindlig, dann musste sie sich aufsetzen, was sie nur widerwillig tat, obwohl ihre wunden Knie es ihr dankten. Bisweilen wurde sie im Gebet aber auch von einer reinen Kraft erfasst, die ihre Gedanken auf eine andere Weise durcheinander wirbelte und gleichzeitig ihr Herz weit in die Höhe hob, so dass es sich auf eine Art öffnen konnte, wie sie ihr im Alltagsleben nicht vergönnt war. Gerade so, als hätte der Heilige Geist sie erfasst und würde sie tragen.

 

Dann fühlte sie sich wie in diesen besonderen Nächten, wenn sie scheinbar absichtslos, lediglich naturverbunden, durch die Wälder südöstlich der Stadt streifte, in Wahrheit jedoch zielstrebig auf die alte, halb verfallene Kapelle zusteuerte, stets in der Hoffnung, dass der weiße Eremit sich zeigen würde. Er kam nicht immer, er betete oft einsam in seiner Einsiedelei, und dann saß sie lange allein im Gebet versunken auf der morschen Bank. Doch wenn er erschien, mit weißem Bart, weißem Haar und weißem Gewand, ein wandelndes Licht, beglückte sie allein schon sein Anblick. Seine Reinheit war erhebend und aus seinen Worten sog sie Kraft, wenn der Wahnsinn der Welt, der sich jetzt sogar bis ins Bistum durchgefressen hatte, sie zu verschlingen drohte. Der weiße Eremit war der vehementeste Kritiker des Sittenverfalls, den sie kannte; er geißelte die Auswüchse des modernen Lebens mit einer Schärfe, die sie bisweilen zusammenzucken ließ, er gelobte ein ums andere Mal, die eitrigen Krebsgeschwüre, die sich auf dem Leib der Erde und ja, immer unverfrorener auch auf dem Leib der Kirche zeigten, auszumerzen, sie mit brennendem Schwert herauszuschneiden.

 

Schwester Helene war stolz darauf, dass sie standhaft geblieben war. Viele, zu viele hatte der neue Erzbischof mit seinem zwischen sanft ergrauenden Schläfen lauernden Jungenlächeln eingewickelt. Auch viele Mitschwestern hatten ihn nicht durchschaut, hatten sich ködern lassen von seinen fahrlässigen Andeutungen, man müsse möglicherweise Frauen in der Kirche künftig andere Rollen zugestehen - gewichtigere Rollen, sagte er sogar einmal. Als ob das nötig wäre? Gefährlich war es! Frauen waren Empfangende und Gebärende, Dienerinnen und Büßerinnen. Wenn man wissen wollte, was dabei herauskam, wenn Frauen sich über ihre Natur erhoben, brauchte man sich nur anzusehen, was Eva angerichtet hatte. Der Sündenfall war ein Sinnbild, zweifellos, aber von welch tiefer Kraft und Wahrheit.

Doch die verdächtige Frauenfreundlichkeit war nur eine fragwürdige Spielerei angesichts dessen, was der neue Erzbischof wirklich vorhatte. Schwester Helene hatte ihn nicht belauschen wollen; bei allem Argwohn, den sie von Anfang an gegen ihn hegte, lag ihr ein solches Tun fern. Es war zufällig passiert, zwei Tage vor seiner offiziellen Ernennung. Sie wollte wie gewohnt den Nachmittagskaffee abtragen, doch als sie im Begriff war, um die Ecke des Ganges zu biegen, sah sie ihn dort am geöffneten Fenster vor seinem Arbeitszimmer, im Gespräch mit dem Generalvikar. Abrupt blieb sie stehen.

Die beiden Männer flüsterten miteinander, taten heimlich, aber Schwester Helene konnte dennoch genau verstehen, was der designierte Erzbischof sagte.

„Wir müssen hier ausmisten!“

Der Generalvikar gab ihm recht. Es sei zweifellos Zeit, dass jemand klare Worte finde und Zeichen setze. Man müsse den Spielraum, den der neue, zurückhaltend agierende Papst den Bistümern lasse, nutzen. Ja, es gehe darum, endlich die Kirche der Neuzeit zu bauen, flüsterte der künftige Erzbischof und Schwester Helene konnte die Erregung in seiner Stimme hören: „Wir können nicht mehr länger so tun, als lebten wir im Mittelalter, sonst sind wir bald nur noch ein Haufen alter, verknöcherter Männer, die von Ehrfurcht ergriffen aus einem Buch zitieren, das außer ihnen niemand mehr liest.“

 

Der weiße Eremit war außer sich gewesen, als Schwester Helene ihm in der Nacht davon erzählt hatte. Er wusste genau, was der Mann, der auf den Stuhl des Erzbischofs drängte, damit meinte. Dieser Verräter! Und Schwester Helene wusste es ebenfalls. Priesterehen zulassen beispielsweise, und so Barrieren zwischen Gott und seinen Dienern aufbauen. Kondome gut heißen, damit die verderbte Jugend sich, frei von jeglicher Verantwortung und jeglicher Pflicht, noch viel ausschweifender ihrem lasterreichen Lebenswandel hingeben konnte. Gleichgeschlechtliche Verbindungen zumindest stillschweigend hinnehmen. Ihnen wurde schlecht beim Gedanken an diese Versündigung am göttlichen Plan. Der weiße Eremit schwor, diese ruchlosen Absichten zu verhindern. Er tobte angesichts des Teufelswerks, dem der künftige Erzbischof sich verschrieben hatte. Denn nichts anderes war es. Wer wollte behaupten, der Satan habe nicht seine gierigen Finger im Spiel, wenn sich die Menschheit gegen ihre eigene Natur wendete?

Ja, sie kannten das fünfte Gebot. Aber hieß es in den Zehn Geboten nicht vor allem anderen, du sollst Gott ehren? Nirgends hieß es jedenfalls, du sollst dem Teufelswerk freien Lauf lassen. Man dürfe nicht Gottes Schöpfung zugrunde gehen lassen, wenn man eine Möglichkeit sehe, Mut und eine starke Hand vorausgesetzt, das Unheil abzuwenden, rief der weiße Eremit mit donnernder Stimme. Wer würde ihnen verzeihen, wenn sie seelenruhig zusahen, wie ein von teuflischen Gedanken durchtränkter Mann das gesamte Bistum in den Abgrund lenkte? Sie mussten handeln, auch wenn sie dafür in dieser Welt büßen sollten. Ihre Seele würde rein bleiben.

„Ich werde es tun“, sagte der weiße Eremit. Schwester Helene sollte dafür sorgen, dass bei Einbruch der Dunkelheit ein Fenster geöffnet war, damit er unbemerkt in die bischöflichen Privaträume gelangen konnte. Und es musste bald geschehen. Am besten am Abend nach der Amtseinführung. „Dann sind sie trunken vor Glück und unachtsamer als üblich“, hörte Schwester Helene ihn noch weise sagen, bevor sie zwischen den Bäumen hindurch den kaum sichtbaren Pfad zurück in die Stadt beschritt.

 

Ein leises Klopfen riss Schwester Helene aus der vom Gebet umschlossenen Erinnerung. Seufzend setzte sie sich auf und blickte sich in dem holzgetäfelten Beichtstuhl um, in dem sie als junges Mädchen so viele Samstagvormittage verbracht hatte. Es war ein gerader Weg von der Vergangenheit in die Gegenwart gewesen. Schon damals hatte sie davon geträumt, Nonne zu werden, Gott und den Menschen zu dienen, und dann, im Alter, wenn die Kräfte schwanden, sich in einem Kloster aufs Jenseits vorzubereiten.

Es klopfte erneut. Sie öffnete die Tür einen Spalt und spähte hinaus ins Mittelschiff der Kirche, in der sie vor so langer Zeit getauft worden war und in der sie vor 47 Jahren zum ersten Mal den Leib Christi empfangen hatte. Vor dem Beichtstuhl stand der alte Mesner. Er fragte sie zum dritten oder vierten Mal, ob sie nicht etwas essen oder wenigstens etwas trinken wolle. Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf. Er verzog ratlos die Miene, schien sich zu fragen, welche Buße hier geleistet wurde, aber weil sie sich schon so lange kannten, würde er sie weiter gewähren lassen und am Abend die Kirche wieder hinter ihr zusperren. Sogar ihre Stummheit akzeptieren.

Der Mesner wendete sich Richtung Altar, drehte sich nach zwei Schritten nochmal herum und sagte: „In der Zeitung steht, der neue Erzbischof ist ermordet worden.“

Aber nicht einmal damit entlockte er Schwester Helene eine Reaktion.

 

Sie hatte lange gewartet, aber schließlich konnte sie ihre Unruhe nicht mehr bezähmen. Das Fenster stand offen, es wurde immer später, doch der weiße Eremit erschien nicht. Schwester Helene hatte keinen Zweifel daran, dass wichtige Dinge ihn aufgehalten haben mussten.

Der Erzbischof saß an dem kleinen Schreibtisch im Lesezimmer vor einem Laptop, als sie eintrat, in der linken Hand das Tablett mit der letzten Tasse Tee vor dem Nachtgebet, in der rechten einen gusseisernen Leuchter mit zwölf brennenden Kerzen. Er blickte über die Schulter und lächelte. Immer wieder dieses falsche Lächeln.

„Schwester Helene, ich sagte doch, ich brauche keine Kerzen. Wir leben im 21. Jahrhundert und nutzen die Erfindung der Elektrizität.“

Er senkte den Kopf und tippte weiter. Da ließ sie das Tablett fallen, holte aus und schlug zu. Es war ein Hieb von solcher Kraft, wie sie selbst ihn ihrem kleinen, schmächtigen Körper nicht zugetraut hätte. Der Kerzenleuchter landete auf dem Hinterkopf des Bischofs und hinterließ beim Zurückziehen einen tiefen Krater. Blut spritzte und sprenkelte den weißen Kragen ihrer Ordenstracht rot. Der Körper des Mannes drohte nach vorn zu kippen, doch im Fallen drehte sich der Bischof halb um und blickte Schwester Helene erstaunt mit leicht geöffnetem Mund an, als wolle er noch etwas Wichtiges sagen. Sie holte erneut aus und schlug zu, zielte diesmal in Richtung Stirn. Zorn, heiliger Zorn, erfüllte sie, wenn sie daran dachte, welche verwerflichen Aussprüche dieser unselige Mund immer wieder getätigt hatte. Abscheu führte ihre Hand, Abscheu vor dem fallenden Körper, der oberflächlich gesehen schön sein mochte, in Wirklichkeit aber die Soutane, die ihn bedeckte, mit seiner Gotteslästerlichkeit besudelte. Ekel gab ihr die Kraft, wieder und wieder den längst kerzenlosen, schweren Leuchter niederfahren zu lassen, Ekel vor den feinen Zügen, die sich, jetzt erstarrt, ihr zugewendet hatten, die stahlblauen Augen weit aufgerissen. Schwester Helene wusste, dass all das nur eine Maske war, die die Fratze des Bösen verdeckte, von dem dieser Mann von Kopf bis Fuß durchdrungen war. Andere mochten sich blenden lassen, sie nicht. Ein paar köstliche Augenblicke lang schien es ihr sogar, als könne sie das Antlitz der Erde ein für allemal von sämtlichem Übel befreien, wenn sie das Haupt dieses Scharlatans seiner verdienten Bestrafung zuführte. Der Kerzenleuchter fühlte sich an wie ein Schwert, und für einen kurzen Moment hatte sie eine Vision, die sie später zutiefst bereute, weil sie ihrer nicht würdig war. Ihr Blick weitete sich, und sie sah alles, Himmel und Erde, sie sah die scharfe Klinge durch die Luft pfeifen und sie sah, wie das Böse fiel, tiefer und tiefer, verfolgt von einem Engel, dessen starke Hand das Schwert der Gerechtigkeit fest umfasst hielt. Es schien der Erzengel Michael zu sein, und sie wunderte sich nicht, dass sein Antlitz die Züge des weißen Eremiten trug.

 

Schwester Helene hob den Kopf, als die frühmorgendliche, tröstende Stille in der Kirche den lange erwarteten und doch so störenden Geräuschen geopfert wurde. Auf den steinernen Fliesen hallten Schritte wider. Es war nicht das Schlurfen des alten Mesners. Sie hörte den festen Tritt entschlossener Männer.

Es war ihr einerlei, dass man sie einsperren würde. Auch ein Gefängnis konnte ein Kloster sein. Gott war überall. Sie würde ihre Zelle zu ihrer Zuflucht machen, beschloss Schwester Helene und bekreuzigte sich. 


(veröffentlicht in der Anthologie "Breisgauner", Wellhöfer Verlag, 2012)